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Fakten und Grundlagen der Facharbeit

Modernes Verwaltungshandeln beruht auf dem Wissen um die gesellschaftliche Wirklichkeit, in die Verwaltung interveniert. Mit systematisch erhobenen qualitativen und quantitativen Daten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden die aus administrativer Sicht relevanten Aspekte gesellschaftlicher Wirklichkeit abgebildet. Sie werden regelmäßig erhoben im Rahmen der amtlichen Statistik und stehen als Datenbestand der Bundesregierung für die Arbeit der Verwaltung zur Verfügung. Darüber hinaus werden Daten ermittelt im Rahmen der Ressortforschung. Außerdem gibt es vielfältige Datenbestände an wissenschaftlichen Hochschulen und außeruniversitären Forschungsinstituten, die in bestimmten Sachgebieten genutzt werden können.
In internationalen Vereinbarungen und in verschiedenen Instrumenten zur Umsetzung von Gender Mainstreaming (GM) wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, Daten geschlechtsdifferenziert darzustellen. Nur so kann der Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern in den verschiedenen Lebensbereichen (Lebenslagen) angemessen abbildet werden.
Dies geschieht - im Rahmen des Verwaltungshandelns insbesondere in der Gesetzesfolgenabschätzung -

  • prospektiv in Vorbereitung von Gesetzen und Maßnahmen,
  • begleitend bei der Einführung von Gesetzen und Maßnahmen oder
  • retrospektiv bei der Evaluierung von Gesetzesfolgen und Programmen.

Erforderlich ist daher die durchgängige Umsetzung von GM in der amtlichen Statistik und in der Ressortforschung. Für die Darstellung des Standes der Gleichstellung in unterschiedlichen Sachgebieten können Indikatoren und Indizes gebildet werden.

Datenbestand der Bundesregierung

Die Bundesregierung verfügt über umfangreiche Datenbestände:
Das sind vor allem die Daten, die im Rahmen der von Amts wegen durchgeführten, rechtlich vorgegebenen amtlichen Statistik regelmäßig erhoben werden, z.B. Bevölkerungsstatistik, Wirtschaftsstatistik, Sozialhilfestatistik, Mikrozensus, Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Mit dem Statistischen Bundesamt ist eine eigene Behörde für die Erhebung und Auswertung der Daten zuständig. Die Daten werden regelmäßig - z.T. auch bereits geschlechterdifferenziert - erhoben und fortlaufend publiziert. Auf der Grundlagen entsprechender Anfragen kann das Statistische Bundesamt die Daten weitergehend als bisher nach Geschlecht differenziert auswerten.
Die Bundesregierung verfügt auch über Daten, die im Rahmen der Ressortforschung in wissenschaftlichen Untersuchungen zu ressortbezogenen Fragestellungen erhoben werden. Die Ressortforschung liegt in der Verantwortung der einzelnen Ressorts. Insbesondere zu den fortlaufenden Berichten der Bundesregierung werden in der Regel Studien vergeben. Beauftragt werden nachgeordnete Regierungseinrichtungen, wie z.B. das Statistische Bundesamt oder die Landesämter, Universitäten, mit öffentlichen Mitteln geförderte Forschungseinrichtungen oder freie Anbietende. Die Ergebnisse der Studien werden in der Regel publiziert, eine Übersicht über alle Daten, die im Rahmen der Ressortforschung gewonnen wurden, gibt es jedoch bisher nicht. Auch hier kann die Umsetzung von GM bedeuten, Daten systematischer nach Geschlecht differenziert aufzubereiten und zukünftig auch weitergehend entsprechend zu erheben (Arbeitshilfe Ressortforschung).
Die Verwaltung nutzt auch Datensammlungen der Wirtschafts- und Sozialforschung in Deutschland. Detaillierte Übersichten dazu sind im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung begleiteten Projekts Wege zu einer besseren informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik erarbeitet worden und stehen auf CD-ROM zur Verfügung http://www.bmbf.de/presse01/A-FIN4_.pdf. Auch diese Datensammlungen sind allerdings einer Prüfung hinsichtlich ihrer Geschlechterdifferenzierung zu unterziehen, bzw. kann durch eine entsprechende Nachfrage die geschlechtsdifferenzierte Aufbereitung der Daten vorangetrieben werden.

Indikatoren und Indizes zu Gleichstellung

Auf der Grundlage statistischer Daten können zu einzelnen Bereichen Indikatoren gebildet werden, mit denen in Indizes zusammengefasst der Stand der Gleichstellungsentwicklung gemessen werden kann. Diese Informationen unterstützen die Formulierung gleichstellungspolitischer Ziele. Es gibt einige Beispiele für Gleichstellungsindikatoren und Indizes, wie beispielsweise die Gleichstellungsindikatoren der Europäischen Kommission, die gendersensitiven Indikatoren des Commonwealth Sekretariats, die Indizes der Vereinten Nationen, der schwedische Gleichstellungsindex oder der Schweizer Gleichstellungsindex.


Gleichstellungsindikatoren der Europäische Kommission

Im Rahmen der Einbeziehung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in die Strukturfondsmaßnahmen enthält das "Technische Papier 3" der Europäischen Kommission die Gleichstellungsindikatoren, welche messen sollen

  • inwieweit die Disparitäten zwischen Frauen und Männern (auf dem Arbeitsmarkt, in der allgemeinen und beruflichen Bildung, in Qualifikationen und Fachkompetenzen und im Hinblick auf die Gründung und das Management von Unternehmen) in dem fraglichen Zeitraum abgebaut werden, und
  • inwieweit sich die Gleichstellung von Frauen und Männern im sozialen und wirtschaftlichen Leben verbessert hat, z.B. in Bezug auf die Verteilung auf dem Arbeitsmarkt und die Beteiligung an Entscheidungsprozessen.

    Geeignete Gleichstellungsindikatoren erfordern somit mehr als nur eine Addition der Beteiligung von Frauen und Männern an Maßnahmen im Rahmen des Projekts. Solche Indikatoren sind für den Output von Maßnahmen oder Tätigkeiten relevant, aber sie reichen nicht aus, um den Abbau von Disparitäten oder die Verbesserung der Gleichstellung von Frauen und Männern, also Ergebnisse oder Auswirkungen zu messen.
    Nachfolgend sind einige Beispiele für Indikatoren für wesentliche Gleichstellungsziele auf den drei Ebenen Output, Ergebnis und Wirkung aufgeführt, die Hinweise darauf geben sollen, welche Indikatoren auf den einzelnen Ebenen des Plans oder Programms relevant sein können. In diesem Zusammenhang sei auf das Arbeitspapier 3 der Kommission für den neuen Programmplanungszeitraum 2000-2006 mit dem Titel "Indikatoren für die Begleitung und Bewertung": Eine indikative Methode hingewiesen.

Indizes der Vereinten Nationen

Die Vereinten Nationen nutzen Indikatoren (Gleichstellungsindex), um den Stand der Gleichstellung zwischen den Geschlechter zu erfassen. Drei Indizes bilden die allgemeinen sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen von Frauen und Männern in einem Land ab (vgl. auch Schratzenstaller 2002):
Human Development Index (HDI)
Maß für die Erfassung des allgemeinen Lebensstandards mit den drei Dimensionen:

  • Lebenserwartung als Indikator für ein gesundes, langes Leben, die Freiheit von Krankheiten und die Quantität bzw. Qualität der Ernährung,

  • Alphabetisierungsgrad als Indikator für die Bildung von Humankapital,

  • reales Pro - Kopf - Einkommen als Indikator für den Zugang zu ökonomischen Ressourcen (Schratzenstaller 2002:144).

Gender Development Index

Erweiterung des HDI um die Geschlechterperspektive; je nach dem Ausmaß der sozialen/wirtschaftlichen Ungleichheit (Soziale Ungleichheit) zwischen Frauen und Männern werden bei den drei Teilindikatoren Abschläge vorgenommen.

(3) Gender Empowerment Measure (GEM)
Maß für die relative Macht von Frauen und Männern im politischen und wirtschaftlichen Leben, ebenfalls mit drei Teildimensionen:

  • Anteil von Männern und Frauen an allen Arbeitsplätzen in Verwaltung und Managementpositionen,

  • Anteile an qualifizierten und technischen Berufen,

  • Anteile an Parlamentssitzen.

Ausgehend von diesen eher allgemeinen Indikatoren werden länderspezifische Indikatoren gebildet, mit denen die spezifischen sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse von Frauen und Männern bezogen auf den Entwicklungsstand eines Landes erfasst werden können.

Schwedischer Gleichstellungsindex (Gender Equality Index)
In Schweden ist ein "Gender Equality Index" entwickelt worden (EqualX kartografiert im Internet http://.www.h.scb.se oder http://.www.scb.se dargestellt in Sigma 2/2001). Der Index wird mit einer gewichteten Kombination von etwa 10 verschiedenen Standardvariablen auf Gemeindeebene und auf der Ebene der Verwaltungsbezirke gebildet. Zu den nach Geschlecht differenzierten Variablen gehören u.a.:

  • Anteil der Personen mit Bildungsabschluss oberhalb der Sekundarstufe,

  • Anteil der Erwerbstätigen,

  • Anteil der Arbeitssuchenden,

  • Gesamteinkommen aus Erwerbstätigkeit,

  • Anzahl der Tage für Leistungen bei Elternurlaub,

  • Anzahl der Tage für Leistungen bei befristetem Elternurlaub,

  • Krankenstände,

  • Gemeinderat,

  • Gemeindevorstand Unternehmer mit mindestens 9 Beschäftigten.

Mit dem Index können die 289 Gemeinden und die Verwaltungsbezirke in Schweden nach dem Grad der Gleichstellung von Frauen und Männern miteinander verglichen werden. Bei Fortschreibung der Zeitreihen geben diese Daten über einen längeren Zeitraum hinweg Aufschluss über die Gleichstellung zwischen Frauen und Männer in der Gesellschaft bzw. über deren Fortschritte.

Schweizer Gleichstellungsindex

Der Schweizer Gleichstellungsindex wurde in Anlehnung an den Human Development Index (HDI, Gender Budgeting) entwickelt mit fünf Messgrößen errechnet:

  • Anteil traditioneller bürgerlicher Paarhaushalte,

  • Frauenanteil am bezahlten Beschäftigungsvolumen,

  • Frauenanteil an den leitenden Angestellten und Direktoren,

  • Frauenanteil in den Gemeindeexekutive,

  • Anteil der Bildungsjahre der 30- bis 49jährigen Frauen an jenen der gleichaltrigen Männer.

Mit diesem Index wurden Unterschiede in der Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau in den Schweizer Regionen ermittelt. link: http://www.snf.ch/PrintScript/PrintPage/asp

Quantitative und qualitative Daten

Nach den Methoden der Datenerhebung her wird unterschieden zwischen quantitativen und qualitativen Daten.

Quantitative Daten werden erhoben, wenn soziale Phänomene für die Bevölkerung insgesamt oder einen Teil der Bevölkerung mit statistischen Verfahren analysiert werden. Das zu untersuchende Problem, z.B. Armut, wird dabei in quantitativ messbare Einheiten, Indikatoren, übersetzt. Die erhobenen Werte werden mit mathematisch-statistischen Verfahren ausgewertet. Die Lebensverhältnisse werden auf der Grundlage von theoretischen Annahmen und Fragestellungen quantifiziert. Z.B. wird Armut definiert als ein prozentualer Wert des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung (50 %). Auf der Grundlage der Definition wird die Häufigkeit von Armut in der Gesellschaft gemessen (Erster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung http://.www.bmgs.de).
Mit statistischen Analysen können Entwicklungen in der Gesellschaft beobachtet werden, z.B. die Entwicklung von Einkommen über einen bestimmten Zeitraum, die Geburtenhäufigkeit pro Frau, die durchschnittliche Lebenserwartung, das wirtschaftliche Wachstum und noch vieles mehr. Die amtliche Statistik ist eine umfassende Sammlung von quantitativen Daten aus allen Politikbereichen.
Weil mit einer Merkmalsausprägung, mit nur einem Indikator, nur ein kleiner Ausschnitt aus einem komplexen Zusammenhang dargestellt werden kann, können mehrere Indikatoren nach einem vorab festgelegten Verfahren zu einem Index zusammengefasst werden (z.B. Human Development Index)
Die vielen Vorbehalte gegenüber statistischen Daten sind vor allem auf die Auswahl und die Definition von Erhebungsmerkmalen, d.h. die Bildung von Indikatoren, mit denen soziale Verhältnisse gemessen werden soll, und die Interpretation der Ergebnisse zurückzuführen. So werden z.B. Frauen als Beschäftigungsgewinnerinnen bezeichnet werden, weil ihr Anteil an der Zahl der Beschäftigten stärker gewachsen ist als der der Männer. Um ein realistisches Bild der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern zu erhalten, müsste aber die Beschäftigungsquote unter Berücksichtigung des Arbeitsvolumens in Vollzeitäquivalenten dargestellt werden (IAB Kurzbericht 11/1.8.2003).

Qualitative Daten: Soziale Phänomene werden auch mit qualitativen Daten beschrieben und analysiert. Dabei geht es nicht darum, Massenphänomene zu messen und darzustellen, sondern soziales Handeln zu beschreiben und zu verstehen. Deshalb sind sie nicht numerisch gefasst. Qualitative Daten sind daher keine Messgrößen, sondern Aussagen und Meinungen, deren Sinn mit interpretativen Verfahren aufgeschlüsselt wird.

Qualitative Methoden werden häufig eingesetzt, um neue Entwicklungen zu verstehen und für eine statistische Analyse zu öffnen. Denn soziale Phänomene lassen sich nicht umstandslos in quantitative Messgrößen übertragen, insbesondere dann nicht, wenn die Zusammenhänge für Verhalten und Einstellungen nicht bekannt sind. So wird beispielsweise die Geburtenhäufigkeit der weiblichen Bevölkerung in einer amtlichen Statistik festgehalten, doch sind weitergehende empirische Analysen notwendig, um das reproduktive Verhalten von Männern und Frauen zu verstehen.

Beispiele

Vermutlich nehmen sehr viel mehr Frauen als Männer an verschiedenen allgemeinen und beruflichen Bildungsmaßnahmen teil. Doch wenn die Frauen (z.B. wegen ihrer häuslichen Verpflichtungen) kürzere Kurse absolvieren und deshalb geringere Qualifikationen erwerben, tragen diese Maßnahmen in Ergebnis und Wirkung nicht zur Gleichstellung von Frauen und Männern bei.
Ebenso ist es möglich, einen höheren Anteil von frauengeführten Unternehmen in Unterstützungsprogramme für KMU (Klein- und Mittelunternehmen) (Output) aufzunehmen oder die Quote der Unternehmensgründungen von Frauen zu erhöhen (Ergebnis), doch das reicht möglicherweise nicht aus, um die Disparitäten zwischen Unternehmerinnen und Unternehmern zu reduzieren oder die Überlebensraten und den Umsatz von Unternehmen in Frauenhand im Vergleich zu Unternehmen im Besitz von Männern zu verbessern (Wirkung). Hier sind zusätzliche Anstrengungen erforderlich, um die Unternehmensgründungen und den Gesamtumsatz zu erhöhen und den Frauenanteil zu steigern.

Literatur zum Thema
Beck, Tony, A quick Guide to Using Gender-Sensitive Indicators, Gender Management System Serie, Commonwealth Sekretariat, 1999.
Gender Development Index, Vereinte Nationen http://www.undp.org/hdr/2003/
"Gender Equality Index" (EqualX kartografiert im Internet unter http://.www.h.scb.se oder http.www.scb.se; dargestellt in Sigma 2/2001).
Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (Hrsg.), Wege zu einer besseren informationellen Infrastruktur. Gutachten der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingesetzten Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik, 2001.

Statistik

In der Regel werden amtliche Statistiken - soweit sie personenbezogen sind - bereits geschlechterdifferenziert geführt, so dass sie auch geschlechterdifferenziert ausgewertet werden können. Anfragen zur Auswertung und die Auswertung selbst sind jedoch noch nicht durchgängig geschlechtssensibel. Insbesondere wird die Querschnittbedeutung des Merkmals Geschlecht noch kaum berücksichtigt. Das bedeutet, dass die Daten nicht zu allen Themen und nicht nach allen relevanten Merkmalen jeweils geschlechterdifferenziert ausgewertet werden. Nur mit dieser Auswertung können Statistiken aber Aufschluss über geschlechterspezifisch unterschiedliche Lebenslagen und soziale Ungleichheit auch im Hinblick auf Gender als prägendem Strukturmerkmal von Gesellschaft geben. Dies ist eine Voraussetzung für eine gleichstellungsorientierte Politikgestaltung.

Beispiel

In den Veröffentlichungen der Bundesanstalt für Arbeit finden sich Daten zur Erwerbslosigkeit. Sie sind einmal geschlechterdifferenziert, an einer anderen Stelle altersdifferenziert. Die beiden Merkmale werden aber nicht miteinander verbunden, d.h. die Altersgruppen werden nicht auch nach Geschlecht aufgeschlüsselt, obwohl das aufgrund der Datenlage möglich wäre und damit eine Fülle weiterer und präziserer Daten erschlossen werden könnten.

Lebenslagen

Mit dem Begriff "Lebenslagen" wird ein sozialwissenschaftliches Konzept benannt, in dem das Zusammenwirken der unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Faktoren in den konkreten Lebensverhältnissen von Individuen und sozialen Gruppen theoretisch erfasst wird (Literatur zum Lebenslagenansatz). Neben den objektiven - materiellen und immateriellen - Dimensionen einer Lebenslage werden auch die subjektiven Dimensionen in die Verarbeitung einbezogen, indem Aktivitäten und Entscheidungen, aber auch Interessen und Erwartungen von Männern und Frauen in Beziehung gesetzt werden zu objektiven Dimensionen ihrer Lebenslagen. Das Konzept ist als "Lebenslagen-Ansatz" in der Politikfeldanalyse eingeführt.
Der Lebenslagenansatz eignet sich als Analyseinstrument für die zielgruppenorientierte Erfassung von Politikfeldern und damit als Grundlage für die Politikgestaltung nach Gender Mainstreaming. Die Bundesregierung hat den Lebenslagenansatz als theoretisches Konzept ihrer Armuts- und Reichtumsberichterstattung zugrunde gelegt.
Als "Lebenslagen" werden die individuellen Handlungsspielräume definiert, die von einer Vielzahl von individuell nicht beeinflussbaren strukturellen Faktoren begrenzt werden. Diese Spielräume haben einzelne Personen bzw. Paare oder Familien für die Befriedigung aller ihrer materiellen und immateriellen Interessen zur Verfügung. Sie füllen sie jeweils einzeln und in Bezug auf oder in Abstimmung mit ihrem sozialen Umfeld aus.
Zur Lebenslage gehören ökonomische, nicht - ökonomische und immaterielle, objektive und subjektive Dimensionen (z.B. Einkommensniveau, Wohnqualität, Gesundheit und Wohlbefinden). Sie wird insgesamt zentral bestimmt vom Haushaltseinkommen, weil damit der Zugang zur Befriedigung zahlreicher anderer Bedürfnisse gewährt bzw. verwehrt ist. In den gegebenen gesellschaftlichen (Infra-)Strukturen liegen die Möglichkeiten und Grenzen für die individuellen Handlungsspielräume.
Die Lebenslagen von Zielgruppen werden auf unterschiedlichen Handlungs- bzw. Entscheidungsebenen geschlechterdifferenziert erfasst:

  • Versorgungs- und Einkommensspielraum (Umfang der Versorgung mit Gütern und Diensten; Zugang zu Ressourcen),

  • Kontakt- und Kooperationsspielraum (Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion; soziale Netze),

  • Lern- und Erfahrungsspielraum (Möglichkeiten der Entfaltung und Realisierung von Interessen, je nach Sozialisation schulische und berufliche Bildung, Erfahrungen in der Arbeitswelt und Ausmaß an sozialer und räumlicher Mobilität),

  • Muße- und Regenerationsspielraum (Möglichkeiten des Ausgleichs psycho-physischer Belastungen durch Arbeits-, Wohn- und Umweltbedingungen),

  • Dispositions- und Partizipationsspielraum (Ausmaß der Teilnahme, Mitbestimmung und Mitentscheidung in verschiedenen Lebensbereichen).

Weiter werden gezielt Faktoren erfasst, die als ausschlaggebend für die soziale Ungleichheit der Geschlechter gelten:

  • Sozialbindungsspielraum: Festlegungen durch soziale Bindungen und Beziehungen, insbesondere in den beiden Bereichen Mutterschaft oder Vaterschaft sowie das Vorhandensein oder Fehlen einer Ehe / Partnerschaft. Soziale Bindungen und Beziehungen entscheiden über den Zugang zu materiellen und sozialen Ressourcen und über Schutz. Umgekehrt können soziale Bindungen und Beziehungen die Verpflichtung zur Bedürfnisbefriedigung und Versorgung von Angehörigen beinhalten. Sie sind in der Regel mit materiellen Versorgungsverpflichtungen verknüpft.

  • Geschlechtsrollenspielraum: Geschlechterrollen - Zuschreibungen (Stereotypisierung) und Festlegungen durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Darin enthalten sind sowohl strukturell begründete Benachteiligungen und versteckte Diskriminierungen als auch Vorteile und Privilegien.

  • Schutz und Selbstbestimmungsspielraum: Beeinträchtigung, Bedrohungen bzw. Erfahrungen mit Gewalt oder durch Gewalt geprägte Familien- und Beziehungssituationen, die für beide Geschlechter häufig bereits in der Kindheit begonnen haben und die Täter- und Opferperspektive einschließen.

  • Diskutiert wird weiter ein sozialstaatlicher Handlungsspielraum, der den Zugang zu oder den Ausschluss von den staatlichen Leistungssystemen umfasst.

Literatur zum Lebenslagenansatz
Abraham, Anke: Weibliche Lebenslagen im Spiegel der Körperlichkeit. Biographische Rekonstruktionen zur Bedeutung des Körpers in den Lebensläufen und Lebensbewältigungsmustern von jetzt alten Frauen. In: Hammer/Lutz (Hrsg.) 2002
Andreß, Hans-Jürgen/Liepsmeier, Gero: Was gehört zum notwendigen Lebensstandard und wer kann ihn sich leisten? Ein neues Konzept zur Armutsmessung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 31-32/95, 28.
Döring, Diether/Hanesch, Walter/Huster, Ernst-Ulrich: Armut und Wohlstand, Frankfurt am Main 1990.
Enders-Dragässer, Uta/Sellach, Brigitte: Weibliche Lebenslagen und Armut am Beispiel von allein erziehenden Frauen. In: Hammer/Lutz (Hrsg.) 2002.
Glatzer, Wolfgang/Hübinger, Werner: Lebenslagen und Armut. In: Döring u.a. 1990
Hammer, Veronika: Eingeschränkte Möglichkeitsräume allein erziehender Frauen Inspirationen gegen eine Kultur der Ausgrenzung. In: Hammer/Lutz (Hrsg.) 2002.
Hammer, Veronika/Lutz, Ronald (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Frankfurt/New York 2002.
Knab, Maria: Wege aus gesellschaftlicher Marginalisierung. Entwicklung einer lebenslagenorientierten Perspektive sozialpädagogischer Frauenforschung. Dissertation, Tübingen 1998.
Voges, Wolfgang/Jürgens, Olaf/Meyer, Elke/Sommer: Thorsten, Methoden und Grundlagen des Lebenslagenansatzes. 1. Zwischenbericht im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, 2001.