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Gender Bias - ein zentrales analytisches Konzept

Als "Bias" werden systematische Verzerrungseffekte bezeichnet, die Wissen und Wahrnehmung beeinträchtigen und benachteiligende Wirkungen haben. Die Verzerrungseffekte gehen auf Voreingenommenheiten, Vorurteile, Stereotypen, fehlerhafte und vorschnelle Werturteile usw. zurück und prägen individuelle und soziale Wahrnehmungsmuster. Wahrnehmungen werden dann als Gewissheiten zum Ausdruck gebracht und - im Falle der Wahrnehmungen von Geschlechterdifferenz - oft biologisch "begründet". Viele Geschlechterstereotype finden aber auch unbewusst Anwendung. Benachteiligende Verzerrungseffekte können sich zudem auf vielerlei beziehen: auf das Geschlecht, auf die Ethnie, soziale Herkunft, Alter, Behinderung oder sexuelle Orientierung. Die benachteiligenden Verzerrungseffekte sind bezogen auf die Geschlechter, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (geschlechtsspezifische Arbeitsteilung), die Lebensverhältnisse von Frauen und Männern oder die Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit. Gender Bias beruht auf vielfältigen Ursachen, die miteinander zusammenhängen können (Fuchs u.a. 2002) und weit verbreitet sind. Wegen der gesellschaftlichen Benachteilungswirkungen ist Gender Bias von hoher Bedeutung für die gleichstellungsorientierte Politikgestaltung, wie an vielen Beispielen gezeigt werden kann und in der Literatur zum Thema beschrieben wird. Als Ursachen geschlechterspezifischer Verzerrungseffekte gelten drei, oft implizite Annahmen (Eichler/Fuchs/Maschewski-Schneider 2002): http://.www.bzph.de/csg/bzphDe/content/e4/e91/reihe_name99/index_ger.html:

  • die Annahme der Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern dort, wo (möglicherweise) keine besteht,
  • die Annahme der Gleichheit von Frauen und Männern dort, wo Gleichheit nicht vorhanden ist,
  • die unterschiedliche (Be-)Wertung von Faktoren, die bei beiden Geschlechtern auftreten.

Diese Annahmen äußern sich im Wesentlichen in sieben Ausprägungen und produzieren ungewollte geschlechterbezogene Benachteiligungen.

  • Androzentrismus: Perspektive, die auf Männer zutrifft, aber verallgemeinert wird und für die dann auch bei Frauen Geltung beansprucht wird. Der Begriff "Normalerwerbsbiografie" ist ein Beispiel für eine solche Verallgemeinerung.Geschlechterblindheit (oft bezeichnet als Geschlechterneutralität): Geschlecht wird als Kategorie von grundlegender Bedeutung systematisch ignoriert. Unterschiede zwischen Frauen und Männern gelten als bedeutungslos oder werden nicht beachtet. z.B. bleibt bei der Berechnung des Durchschnitteinkommens aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der strukturell vermittelte Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen unberücksichtigt, wenn es für beide Geschlechter gemeinsam ermittelt wird. 
  • Geschlechterdichotomie: Die Geschlechter werden grundsätzlich komplementär wahrgenommen. Angenommene Unterschiedlichkeiten werden betont bzw. überspitzt (z.B. geschlechtsspezifische Arbeitsteilung). 
  • Familialismus: Haushalt, Familie, Eltern werden als kleinste Adressateneinheit behandelt. Dabei wird nicht danach gefragt, inwieweit Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise innerhalb dieser Einheiten betroffen sind. Zum Beispiel sind Eltern, Väter und Mütter, deren individuelle Situation und Aufgaben bei Erziehung und Vereinbarkeit bei unentgeltlicher Familienarbeit, bei der Verfügungsgewalt über Einkommen, wirtschaftlicher Unabhängigkeit, usw. unterschiedlich. 
  • Übergeneralisierung: Daten, Sachverhalte, die nur für ein Geschlecht zutreffen, werden undifferenziert auf beide Geschlechter übertragen. Die neuen Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Verläufe von Herzinfarkten weisen beispielhaft auf, wie fatal sich unbeabsichtigte Übergeneralisierungen auswirken können. 
  • Doppelstandard: Identische Verhaltensweisen, Eigenschaften, soziale Situationen werden nach Geschlecht unterschiedlich bewertet. Offensichtliche Beispiele wären Emotionalität, Körperkraft, ausgeprägte Karriereorientierung, Übernahme von Familienpflichten. Hierbei spielt auch die implizite Zuschreibung höherer Wertigkeit des Männlichen gegenüber dem Weiblichen eine Rolle. 
  • Geschlechterstereotype: Geschlechterspezifische Unterschiede werden als wesensmäßige Charaktereigenschaften begriffen. So werden geschlechtertypische Tendenzen in der Berufswahl durch den Verweis auf das Geschlecht erklärt, wobei jedoch geschlechtsspezifische Zuschreibungen, Normen und Wertvorstellungen von Bedeutung sind.

Beispiele (siehe auch Arbeitshilfe Ressortforschung):

Beispiel 1

Wenn bei Untersuchungen z.B. zu Jugendgewalt oder Jugendkriminalität nicht Jugendliche untersucht werden, sondern explizit männliche und weibliche Jugendliche, könnte ermittelt werden, welches die geschlechtspezifischen Charakteristika oder Unterschiede im Gewalthandeln bzw. kriminellen Handeln sind. Damit wird klarer, welche Schlussfolgerungen auf männliche Jugendliche und welche auf weibliche Jugendliche bezogen werden können.Die Fortschreibung von Stereotypen wäre, männliche Jugendliche als Täter und weibliche Jugendliche als Opfer zu befragen.

Beispiel 2

Statt nach der "Überschuldung junger Erwachsener" zu fragen, könnte die Frage geschlechtsspezifisch konkretisiert werden, z.B. in Bezug auf die "Situation von Frauen als Bürgen für ihren Partner".

Beispiel 3

Beispiele für Untersuchungen, die ohne eine systematische geschlechtsspezifische Erhebung von Daten unvollständig und deshalb keine Basis für weitere Maßnahmen sind, sind Untersuchungen über "Straßenkinder"; stattdessen: "Mädchen und Jungen als Straßenkinder","Herz-Kreislaufbeschwerden bei Senioren", stattdessen: "Verlauf und Symptomatik von Herz-Kreislaufbeschwerden bei Männern und Frauen ab 70 Jahren".

Beispiel 4

Wenn Männer "typisch weibliche" Verhaltensweisen zeigen, z.B. gerne kochen oder Kinder versorgen, wird dies als abweichendes Verhalten betrachtet. Ebenso gelten Frauen als abweichend, die karriereorientiert oder durchsetzungsbewusst auftreten.

Beispiel 5

Wenn Schwangerschaft bei einer Untersuchung zur Abwesenheit vom Arbeitsplatz als Krankheit erfasst wird, kommt es zu höheren Werten für Frauen. Wenn dies korrigiert wird, erweist sich der Unterschied des Krankenstandes zwischen Frauen und Männern als minimal und korreliert mit Alter, Art der Arbeit (Position) und anderen Variablen.

Beispiel 6

Die jeweiligen Arbeitsbelastungen der männlichen und weiblichen Personen in einem Haushalt durch unentgeltliche Versorgungsarbeit für die Familie bzw. durch Erwerbsarbeit können bei einer Aggregierung von Daten auf der Ebene von Haushalten nicht ermittelt und nicht aufeinander bezogen werden. Verzerrungen entstehen auch, wenn Männer als "Hauptverdiener" nach der Angemessenheit des Einkommens und Frauen als "Partnerin" nach der Verwendung des Einkommens befragt werden.

Beispiel 7

Die Feststellung von Mykotoxinen im Getreide ist ein Forschungsprojekt, das keine Geschlechterrelevanz hat. Es könnten sich aber geschlechterrelevante Anschlussfragen stellen, wenn z.B. die Aufnahme von Mykotoxinen sich physiologisch unterschiedlich auf Männer und Frauen auswirken sollte. Ist eine Veröffentlichung vorgesehen, muss auf eine geschlechtergerechte Sprache geachtet werden. Beim Forschungsteam sollten Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sein.

Beispiel 8

Pluralbildungen oder Oberbegriffe wie "Studierende" oder "Behinderte" können den Blick auf die unterschiedlichen Lebenslagen von Studentinnen und Studenten bzw. von behinderten Frauen und behinderten Männern verstellen. Im Oberbegriff "Eltern" verschwinden die Unterschiede zwischen Vätern und Müttern in der Wahrnehmung ihrer jeweiligen elterlichen Aufgaben.

Beispiel 9

Frauen sollen auch zu angeblich "typisch männlichen" Aspekten befragt werden (z.B. zu ihren Karriere - Vorstellungen, ihrer Expertinnen-Kompetenz, zu ihrer wirtschaftlichen Situation innerhalb der Familie, als Akteurinnen und Entscheiderinnen in betrieblichen Hierarchien, zu Freizeit und Sport, Technik und Computernutzung usw.) und Männer zu sogenannten typisch weiblichen Aspekten (Probleme mit der Vereinbarkeit; Belastungen im Alltag mit Kindern bzw. versorgungsbedürftigen Angehörigen, Nahrungszubereitung, Hausarbeit usw.)

Beispiel 10

Sind in der gleichen Weise wie Mütter zu befragen, wie sie sich für ihre Kinder/Angehörigen verantwortlich verhalten und mit unentgeltlicher Familienarbeit für sie sorgen; Frauen sind in der gleichen Weise wie Männer zu befragen, ob sie (eigentlich) eine Vollzeiterwerbsarbeit suchen, aber wegen zu ermittelnder Faktoren nicht in dem Umfang realisieren können, in dem sie es wünschen.

Beispiel 11

Geschlecht eignet sich im Normalfall nur als differenzierende Variable. Wenn z.B. die Überstunden oder der Umfang der Arbeitszeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern untersucht werden, sind "beruflicher Status", "Alter", "Anzahl der Kinder", "familiäre Verpflichtungen" usw. erklärende Merkmale, aber nicht "Geschlecht". Berufswahltendenzen ergeben sich nicht durch das Geschlecht "weiblich" oder "männlich", bedeutsam sind Normen und Vorstellungen zu Weiblichkeit und Männlichkeit.

Beispiel 12

Männer werden in der aktiven Rolle, in der "normsetzenden" Rolle dargestellt, Frauen passiv oder als Ausnahme von der Norm.

Beispiel 13

Die Leistungs- und Beitragsunterschiede zwischen Männern und Frauen in Lebens- und Rentenversicherungen werden begründet mit der unterschiedlichen Lebenserwartung von Männern und Frauen im Mitteleuropa der Jetztzeit. Dabei werden 86 % der Männer und Frauen heute gleich alt. Die Unterschiede sind statistisch konstruiert. Sie beruhen weitgehend auf den Folgen von zwei Weltkriegen, nicht auf biologisch begründeten körperlichen Unterschieden oder Unterschieden in der Lebensweise.

Literaturhinweise:
Margrit Eichler, Nonsexist Research Methods - A Practical Guide, 1988.

Margrit Eichler; Judith Fuchs und Ulrike Maschewsky-Schneider, Richtlinien zur Vermeidung von Gender Bias in der Gesundheitsforschung, in: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 8. Jg. 2000, H.4, S. 293-310.

Judith Fuchs; Kris Maschewsky und Ulrike Maschewsky-Schneider, Zu mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern: Erkennen und Vermeiden von Gender Bias in der Gesundheitsforschung. Deutsche Bearbeitung eines vom kanadischen Gesundheitsministeriums herausgegeben Handbuchs, erarbeitet von Margrit Eichler et al. Dezember 1999, in: Blaue Reihe Berliner Zentrum Public Health, Mai 2002.