Effekte von Stereotypisierung
Gender Mainstreaming zielt darauf, Stereotypisierungen zu vermeiden und differenzierte Analysen der gesellschaftlichen Wirklichkeit dem staatlichen Handeln zugrunde zu legen. Stereotypisierungen sind sozial gefestigte, undifferenzierte und verallgemeinernde Wahrnehmungsmuster. Als Geschlechterstereotypisierung sind sie historisch und kulturell eingefahrene, normative Definitionen von Weiblichkeit und Frauen und von Männlichkeit und Männern.
Geschlechterstereotype suggerieren grundlegende Unterschiede ("typisch weiblich" und "typisch männlich") zwischen den Geschlechtern, indem sie pauschal Männern und Frauen Eigenschaften und Verhaltensweisen zuweisen, die als natürlich gelten und komplementär zueinander stehen. Was "typisch weiblich" ist, erscheint hierbei untypisch für Männer und umgekehrt. Bei genauerem Hinsehen ist in der Komplementarität meist eine Benachteiligung für ein Geschlecht enthalten - historisch und im Regelfall: Für Frauen, in manchen Bereichen auch für Männer.
Die Stereotype für die Geschlechter sind nicht nur komplementär. Sie vermitteln oft auch eine implizite hierarchische Wertung ("starkes Geschlecht - schwaches Geschlecht"). Stereotyp männliche Eigenschaften, Verhaltensweisen und Fähigkeiten sind meist positiv konnotiert oder höher bewertet als das weibliche Pendant. Stereotyp weibliche Eigenschaften, Verhaltensweisen und Fähigkeiten sind oft negativ oder mit Schwäche konnotiert. Sie werden sprachlich durch Verneinung beschrieben, wodurch implizit auf die positive männliche komplementäre Eigenschaft referiert wird. In der Literatur zum Thema werden vielfältige Beispiele genannt.
Geschlechterstereotype haben Folgen. Sie prägen die Erwartungshaltung an Verhaltensweisen, Wesenszüge, Auftreten und Charaktereigenschaften von individuellen Frauen und Männern und beeinflussen dadurch die Wahrnehmung:
- Abweichungen von Stereotypen werden gar nicht oder kaum wahrgenommen. Wenn sie wahrgenommen werden, wird das "atypische" Verhalten oft negativ gewertet und sanktioniert. Dies geschieht z.B. durch das Absprechen der Geschlechtszugehörigkeit der betreffenden Person, z.B. "Mannweib", "Ein echter Mann weint nicht".
- Stereotypes Verhalten wird verstärkt wahrgenommen. Aufgrund der Hierarchie in der Wertigkeit von Geschlechterstereotypen kann dies für Frauen ein Nachteil sein.
Durch Geschlechterstereotype wird die Wahrnehmung von Leistungen, Leistungsfähigkeit, Potenzialen und Kompetenzen verhindert oder verzerrt. Dies ist besonders in Bewertungssituationen, z.B. bei Bewerbungen, von Bedeutung.
Stereotype können auch dazu führen, dass Inkompetenzen und Unzulänglichkeiten durch eingefahrene Wahrnehmungsmuster nicht bemerkt oder nicht gerecht bewertet werden (Geschlechtsspezifische implizite und explizite Arbeitsanforderungen und Indikatoren).
Geschlechterstereotype wirken in Form stereotyper Geschlechterideale auch als Maßstäbe für das Selbstbild und vermitteln Menschen Vorgaben von scheinbar "echter Weiblichkeit" und scheinbar "echter Männlichkeit". Sie wirken damit auf die Selbstverständlichkeit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung.
Stereotypisierung durch andere beeinflusst auch die Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung. Dies wiederum kann das Selbstbewusstsein, das Körpergefühl und das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten negativ beeinflussen. Versagensängste und Schamgefühle können die Folge sein und körperliche, wirtschaftliche und sozial risikoreiche Anpassungsleistungen zur Folge haben. Extreme Beispiele für Anpassungsleistungen auf wahrgenommene Abweichungen von den Idealen bezüglich des Körpergefühls sind Anorexie und Schönheitsoperationen bei Frauen und exzessives Bodybuilding bei Männern.
Beispiele
Charakterliche Stereotypisierung
Frauen werden z.B. stereotypisiert als emotional, gefühlvoll, abhängig, verletzlich, passiv, schwach, unterlegen, sanft, mütterlich, intuitiv, unwissend, verführerisch oder eitel.
Männer werden z.B. stereotypisiert als überlegen, stark, aggressiv, vernünftig, dominierend, mutig, ehrgeizig, entschieden, zurückhaltend, bestimmt, beschlagen, logisch, unabhängig und rau.
Soziale Stereotypisierung
Frauen werden wahrgenommen als Mütter, die den Ehemann (Partner) und die Kinder versorgen, bildlich dargestellt in der Wohnung, in der Küche oder mit Kindern auf dem Spielplatz.
Männer werden wahrgenommen als erwerbstätige Männer, dabei jedoch nicht auch als Väter, bildlich dargestellt an Arbeitsplätzen oder mit Aktivitäten im öffentlichen Raum.
Sexuelle Stereotypisierung
Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass alle Menschen heterosexuell sind und Partner/Partnerinnen des anderen Geschlechtes wählen. Dabei gelten Junggesellen als freie und unabhängige Männer, während unverheiratete Frauen, selbst in Darstellungen von modernen, an Karriere orientierten Frauen, noch als auf der Suche nach einem Partner dargestellt werden.
Literatur zum Thema Stereotypisierung
Bilden, Helga: Geschlechtsspezifische Sozialisation. In: Hurrelmann, Klaus; Ulich, Dieter (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung, 1991.
Dietzen, Agnes: Soziales Geschlecht-Dimensionen des Gender-Konzepts, 1993.
Frevert, Ute: Mann und Weib, und Weib und Mann- Geschlechterdifferenzen in der Moderne, 1995.
Mühlen-Achs, Gitta: Wer führt? Körpersprache und die Ordnung der Geschlechter, 2003.
Schmerl, Christiane: Das Frauen- und Mädchenbild in den Medien, 1984.
