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Das Verhältnis von Gender Mainstreaming zu Frauenpolitik - Das Verhältnis von Gender Mainstreaming zu Männerpolitik

Gender Mainstreaming (GM) ist eine Strategie zur Verwirklichung tatsächlicher Gleichstellung. Frauenförderung ist ebenso wie Männerförderung nur eine Maßnahme, die aufgrund dieser Strategie ergriffen werden kann. Der Ansatz von GM insgesamt ist breiter. Diskussionen zeigen, dass in diesem Zusammenhang Missverständnisse um das Verhältnis von Frauenpolitik oder Männerpolitik zu GM geklärt und missbräuchliche Interpretationen von GM korrigiert werden müssen. Dabei geht es um Vorbehalte, die gegenüber Frauenpolitik bestehen, und um Annahmen in der Männerpolitik, sowie um die Visionen, die mit dem Begriff Geschlechterdemokratie verbunden sind. Des Weiteren sind auch Funktionen und Aufgaben für die gleichstellungspolitischen Akteure und Akteurinnen - Gleichstellungsbeauftragte, Frauenministerien usw. - bei der Umsetzung von GM zu bestimmen.

Literaturhinweise:
Bothfeld, Silke/Gronbach, Sigrid/Riedmüller, Barbara, Gender Mainstreaming - eine Innovation in der Gleichstellungspolitik - Zwischenberichte aus der politischen Praxis, 2002.
Krannich, Margarete (Hg.), Geschlechterdemokratie in Organisationen, 1999.
Riebe, Helga/Düringer, Sigrid/Leistner, Herta, Perspektiven für Frauen in Organisationen - Neue Organisations- und Managementkonzepte kritisch hinterfragt, 2000.

Frauenförderung und Männerförderung

Frauenförderung und Männerförderung sind Instrumente, die im Rahmen der Strategie GM eingesetzt werden. Oft ist eher die Rede von "Frauenpolitik", seltener von "Männerpolitik", womit meist eine einseitige Zielorientierung auf die Förderung von Frauen oder von Frauen gemeint ist.

Vorbehalte

Typische Vorbehalte oder Missverständnisse gegenüber der Maßnahme der Frauenförderung sind:

  • Frauenförderung gilt nur als eine rechtfertigungsbedürftige Sondermaßnahme. Dabei wird übersehen, dass das allgemeine Ziel der Gleichstellung in bestimmten Bereichen nur mit Mitteln der Frauenförderung verwirklicht werden kann. Heute wird das juristisch oft deutlich formuliert. So sagt Art. 141 EG-Vertrag, dass Fördermaßnahmen keine Diskriminierung darstellen. Das ist nur konsequent, da mit ihnen Diskriminierung gerade abgebaut werden soll.
  • Im Begriff "Frauenförderung" liegt implizit die Annahme eines Defizits bei den Frauen. Diese Annahme hat ihre Wurzeln darin, dass traditionell "die Frau" und "Weiblichkeit" als defizitär definiert waren. Ein Beispiel für die Wirkung dieser Annahme ist bis heute der Begriff "Quotenfrau". Er wird von vielen Frauen, die beruflich Karriere gemacht haben, als Stigma empfunden, weil sie sich damit in ihrer Kompetenz und ihrer beruflichen Leistung abgewertet sehen.
  • Mit Frauenförderung werden die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen und Stereotypisierungen reproduziert. Ein Beispiel dafür ist die "Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf", wenn nur Frauen Zielgruppen entsprechender Maßnahmen sind, dabei aber übersehen wird, dass auch Männer Vereinbarkeitsprobleme haben bzw. Frauen und Männer nicht nur Familie, sondern auch andere soziale Verpflichtungen, Ehrenämter oder auch das Privatleben mit der beruflichen Tätigkeit sinnvoll miteinander verbinden wollen.

Eine der Frauenförderung vergleichbare Männerförderung mit spezifischen Programmen und Aktivitäten zum Abbau der Benachteiligung von Männern wurde bisher noch nicht aufgelegt. Stattdessen werden in geschlechtsneutral formulierten Programmen, wie beispielsweise in der Sportförderung, nicht selten Männer bevorzugt, weil nicht ausreichend differenziert wird, welche Förderung wem zugute kommt. Das belegen beispielsweise Untersuchungen des Sozialministeriums in Sachsen-Anhalt, wo ein Pilotprojekt zur Sportförderung durchgeführt worden ist.

In politischen Diskussionen werden Frauenförderung und Männerförderung häufig als angeblich separate Politikbereiche voneinander abgegrenzt und nicht selten auch gegeneinander ausgespielt. Darin liegt eine Fehlinterpretation dessen, worauf Gleichstellungspolitik zielt, die Männer und Frauen jeweils differenziert adressiert. Gerade mit GM wird Gleichstellungspolitik für Frauen und für Männer gestaltet. Die Maßnahmen sind entsprechend dem Sachgebiet, Handlungsfeld und Auftrag jeweils verschiedene haben jedoch alle das Ziel, Gleichstellung effizient und nachhaltig zu fördern.

Zum Verständnis des Verhältnisses von GM zu Frauen- oder Männerpolitik ist das Wissen um ihre Geschichte von Bedeutung. Die Strategie GM hat ihre Wurzeln in der neuen - internationalen - Frauenbewegung. In den 80er Jahren wurden auch in Deutschland Institutionen geschaffen als öffentliche Orte für die Interessen von Frauen. Dabei ging es den Frauen bei der Durchsetzung dieser Politik nicht nur um ihre rechtlich-formale Gleichstellung, sondern schon immer grundlegender um den Abbau von direkten und indirekten Diskriminierungen und Benachteiligungen im Geschlechterverhältnis sowie um die Erhöhung der Partizipationschancen von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Instrumente der Frauenpolitik waren von Beginn an:

  • Frauenförderprogramme und Frauenförderpläne, Gleichstellungsregeln,
  • organisationsgebundene und kommunale Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte,
  • Frauen- oder Gleichstellungsministerien des Bundes und der Länder,
  • Nicht-Regierungsorganisationen und Projekte als Interessenvertretung für die Rechte der Frauen.

In Bund und Ländern wurden Frauenbeauftragte und Frauenbüros installiert und Frauenprojekte und -einrichtungen gefördert. Die Gleichstellungsgesetze auf Länder- und Bundesebene traten in Kraft. Am 1. September 1994 wurde Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes um den Satz erweitert:
"Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

Engagierte Frauen in Politik und Verwaltung, in Gewerkschaften, Parteien, Verbänden und Organisationen haben eine vielfältige Infrastruktur für die Wahrnehmung der Interessen von Frauen geschaffen. Dort finden sich auch heute wichtige gleichstellungspolitische Akteurinnen und Akteure. Allerdings wachsen ihnen mit GM neue Aufgaben zu. Im Rahmen der Strategie des GM verfügen sie meist über die Kompetenz, die GM benötigt. Sie sind jedoch nicht mehr diejenigen, denen die Verantwortung für die Gleichstellungsorientierung der Verwaltung zufällt: mit GM sind dabei heute alle gefragt.

Männerbewegung-Männerpolitik

Erst langsam hat sich im Bereich der Gleichstellungspolitik auch ein öffentliches Engagement von Männern entwickelt. Die Entwicklung einer Männerpolitik steht allerdings (noch) am Anfang und hat den Differenzierungsgrad der Frauenpolitik bislang nicht erreicht. Am Beispiel der schwierigen Umsetzung von Elternzeiten für Väter wird deutlich, dass in vielen Politikbereichen zwar ein Handlungsbedarf für Männerpolitik gesehen wird, viele Männer selbst aber bisher noch kaum politisch initiativ geworden sind. Auch in der Jugendarbeit wird eine systematische Differenzierung der Angebote nach Geschlecht seit langem gefordert, aber nur in ersten Ansätzen auch praktiziert. Dabei kann es jedoch nicht um eine Konkurrenz um finanzielle Ressourcen gehen. Vielmehr muss eine scheinbar neutrale Jugendpolitik zu einer Politik für Mädchen und für Jungen werden, in der die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und Perspektiven beider Geschlechter berücksichtigt werden. Das bedeutet auch, Mittel für die Jugendarbeit entsprechend anders zu verteilen.

Analog zur Frauenpolitik wird daher von der kritischen Männerbewegung eine Männerpolitik gefordert, in der die möglichen Benachteiligungen von Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen und ihre unmittelbare und mittelbare Diskriminierung (mit Hilfe von GM) aufgedeckt und durch politische Entscheidungen und mit angemessenen Maßnahmen abgebaut werden. Ein Beispiel ist die Forderung nach einem Männergesundheitsbericht, der ergänzend zum Frauengesundheitsbericht des BMFSFJ erarbeitet werden soll.
 
Missbräuchliche Interpretationen von Gender Mainstreaming

Neue Begriffe werden erst im Laufe der Zeit einheitlich definiert. Gender Mainstreaming ist ein Begriffspaar, das in bestimmten Zusammenhängen auch fehlerhaft oder sogar missbräuchlich benutzt wird, beispielsweise wenn Programme oder Projekte, die Frauen adressieren, unter Hinweis auf "Gender Mainstreaming" abgebaut werden. Dagegen zeigen gerade die im Rahmen von GM erforderlichen Gender-Relevanz-Prüfungen und Gleichstellungsfolgenabschätzungen, dass in bestimmten Politikfeldern Maßnahmen erforderlich sind, die nur Frauen adressieren, in anderen Bereichen dagegen Strategien genutzt werden müssen, die sich in erster Linie mit Männern auseinandersetzen, und in wieder anderen nicht so sehr das Geschlecht, sondern eher die Lebensweise oder das Alter im Vordergrund stehen. GM zielt nicht pauschalisierend auf die Aufgabe bisheriger Formen der Gleichstellungspolitik, sondern auf ihre analytische Fundierung, also auf ihre optimierte Planung und Gestaltung.

Aufgaben der gleichstellungspolitischen Akteurinnen und Akteure

Mit der Strategie GM sollen Gender-Aspekte in den Mainstream des Routinehandelns der Verwaltung integriert werden. Das bedeutet in erster Linie, dass alle Akteure und Akteurinnen in ihren jeweiligen Handlungsfeldern fachspezifisch gefordert sind. In GM sind daher Männer ebenso wie Frauen als Beschäftigte in der Verwaltung einerseits und als Zielgruppen von Maßnahmen und Programmen andererseits in die Analysen zu deren Gleichstellungsrelevanz immer einbezogen.

Zu erwarten ist, dass Frauenpolitik durch GM gewinnen wird, indem ihre Kompetenzbereiche erweitert werden. Insbesondere die in der langen Praxis ausgebildete Beratungs- und Expertinnenfunktion für Geschlechterfragen wird für die Implementierung von GM und auch später für die Regelpraxis von Bedeutung sein.

Geschlechterdemokratie

Der Begriff Geschlechterdemokratie ist Anfang der neunziger Jahre in der Frauenbewegung als Gegenbegriff zum scheinbar neutralen, tatsächlich aber Frauen und Minderheiten ausgrenzenden westlichen "Demokratieverständnis" geprägt worden. Der Begriff wird heute in Politik und Wirtschaft, insbesondere von Gewerkschaften und politischen Organisationen, genutzt, wobei im Begriff "Geschlechterdemokratie" eine Vision des Ziels von Gleichstellung enthalten ist. Geschlechterdemokratie bedeutet insgesamt, ähnlich wie Gleichstellung, dass Interessen von Frauen und Männer gleich berücksichtigt und gleich bewertet werden. Mit dem Wort "Demokratie" wird ausgedrückt, dass es um einen nach demokratischen Regeln gestalteten Aushandlungsprozess zwischen den Geschlechtern geht, in dem die Vorstellung von Gleichstellung gemeinsam und kontrovers entwickelt und verwirklicht wird.
Mit Geschlechterdemokratie wird ein Zustand gleicher Chancen, Rechte und Pflichten der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen beschrieben. Zur Charakterisierung dieses Zustandes haben Angelika Blickhäuser und Henning von Bargen eine Art Vision entworfen :

  • Es herrscht Pluralismus und es besteht die Bereitschaft, Differenzen auszuhalten und sich produktiv mit ihnen auseinander zu setzen.
  • Frauen und Männer sind strukturell vollständig integriert in allen Positionen und in allen Hierarchiebereichen gleichmäßig repräsentiert.
  • Frauen und Männer sind vollständig in die informellen Netzwerke integriert.
  • Es gibt weder Vorurteile noch Diskriminierung. Das Verhalten von Männern und Frauen ist weder sexistisch noch rassistisch und nicht auf die heterosexuelle Norm festgelegt.
  • Alle Beschäftigten identifizieren sich gleichermaßen mit der Organisation; das Ausmaß der Identifikation ist nicht abhängig von der Geschlechtszugehörigkeit.
  • Zwischen Frauen und Männern gibt es nur wenige bzw. schwach ausgeprägt Konflikte, die sich auf Geschlechtszugehörigkeit gründen. Sie tragen Konflikte konstruktiv und lösungsorientiert aus, handeln rücksichtsvoll gegenüber anderen und sind kompromissbereit.
  • Die Organisation übernimmt in ihrer Außendarstellung und in Beziehung zu Kunden und Kundinnen die Verantwortung für das Ziel Geschlechterdemokratie. Frauen und Männer sind bereit, offen und öffentlich darüber zu berichten und die Umsetzung des Leitbildes regelmäßig zu überprüfen.