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Lebenslagen

Mit dem Begriff "Lebenslagen" wird ein sozialwissenschaftliches Konzept benannt, in dem das Zusammenwirken der unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Faktoren in den konkreten Lebensverhältnissen von Individuen und sozialen Gruppen theoretisch erfasst wird (Literatur zum Lebenslagenansatz). Neben den objektiven - materiellen und immateriellen - Dimensionen einer Lebenslage werden auch die subjektiven Dimensionen in die Verarbeitung einbezogen, indem Aktivitäten und Entscheidungen, aber auch Interessen und Erwartungen von Männern und Frauen in Beziehung gesetzt werden zu objektiven Dimensionen ihrer Lebenslagen. Das Konzept ist als "Lebenslagen-Ansatz" in der Politikfeldanalyse eingeführt.

Der Lebenslagenansatz eignet sich als Analyseinstrument für die zielgruppenorientierte Erfassung von Politikfeldern und damit als Grundlage für die Politikgestaltung nach Gender Mainstreaming. Die Bundesregierung hat den Lebenslagenansatz als theoretisches Konzept ihrer Armuts- und Reichtumsberichterstattung zugrunde gelegt.

Als "Lebenslagen" werden die individuellen Handlungsspielräume definiert, die von einer Vielzahl von individuell nicht beeinflussbaren strukturellen Faktoren begrenzt werden. Diese Spielräume haben einzelne Personen bzw. Paare oder Familien für die Befriedigung aller ihrer materiellen und immateriellen Interessen zur Verfügung. Sie füllen sie jeweils einzeln und in Bezug auf oder in Abstimmung mit ihrem sozialen Umfeld aus.

Zur Lebenslage gehören ökonomische, nicht-ökonomische und immaterielle, objektive und subjektive Dimensionen (z.B. Einkommensniveau, Wohnqualität, Gesundheit und Wohlbefinden). Sie wird insgesamt zentral bestimmt vom Haushaltseinkommen, weil damit der Zugang zur Befriedigung zahlreicher anderer Bedürfnisse gewährt bzw. verwehrt ist. In den gegebenen gesellschaftlichen (Infra-)Strukturen liegen die Möglichkeiten und Grenzen für die individuellen Handlungsspielräume.

Die Lebenslagen von Zielgruppen werden auf unterschiedlichen Handlungs- bzw. Entscheidungsebenen geschlechterdifferenziert erfasst:

  • Versorgungs- und Einkommensspielraum (Umfang der Versorgung mit Gütern und Diensten; Zugang zu Ressourcen),
  • Kontakt- und Kooperationsspielraum (Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion; soziale Netze),
  • Lern- und Erfahrungsspielraum (Möglichkeiten der Entfaltung und Realisierung von Interessen, je nach Sozialisation schulische und berufliche Bildung und Erfahrungen in der Arbeitswelt und Ausmaß an sozialer und räumlicher Mobilität),
  • Muße- und Regenerationsspielraum (Möglichkeiten des Ausgleichs psycho-physischer Belastungen durch Arbeits-, Wohn- und Umweltbedingungen),
  • Dispositions- und Partizipationsspielraum (Ausmaß der Teilnahme, Mitbestimmung und Mitentscheidung in verschiedenen Lebensbereichen).

Weiter werden gezielt Faktoren erfasst, die als ausschlaggebend für die soziale Ungleichheit der Geschlechter gelten:

  • Sozialbindungsspielraum: Festlegungen durch soziale Bindungen und Beziehungen, insbesondere in den beiden Bereichen Mutterschaft oder Vaterschaft sowie das Vorhandensein oder Fehlen einer Ehe / Partnerschaft. Soziale Bindungen und Beziehungen entscheiden über den Zugang zu materiellen und sozialen Ressourcen und über Schutz. Umgekehrt können soziale Bindungen und Beziehungen die Verpflichtung zur Bedürfnisbefriedigung und Versorgung von Angehörigen beinhalten. Sie sind in der Regel mit materiellen Versorgungsverpflichtungen verknüpft.
  • Geschlechtsrollenspielraum: Geschlechterrollen - Zuschreibungen (Stereotypisierung) und Festlegungen durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Darin enthalten sind sowohl strukturell begründete Benachteiligungen und versteckte Diskriminierungen als auch Vorteile und Privilegien.
  • Schutz und Selbstbestimmungsspielraum: Beeinträchtigung, Bedrohungen bzw. Erfahrungen mit Gewalt oder durch Gewalt geprägte Familien- und Beziehungssituationen, die für beide Geschlechter häufig bereits in der Kindheit begonnen haben und die Täter- und Opferperspektive einschließen.

Diskutiert wird weiter ein "sozialstaatlicher Handlungsspielraum", der den Zugang zu oder den Ausschluss von den staatlichen Leistungssystemen umfasst.

Literatur zum Lebenslagenansatz
Abraham, Anke: Weibliche Lebenslagen im Spiegel der Körperlichkeit. Biographische Rekonstruktionen zur Bedeutung des Körpers in den Lebensläufen und Lebensbewältigungsmustern von jetzt alten Frauen. In: Hammer/Lutz (Hrsg.) 2002
Andreß, Hans-Jürgen/Liepsmeier, Gero: Was gehört zum notwendigen Lebensstandard und wer kann ihn sich leisten? Ein neues Konzept zur Armutsmessung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 31-32/95, 28.
Döring, Diether/Hanesch, Walter/Huster, Ernst-Ulrich: Armut und Wohlstand, Frankfurt am Main 1990.
Enders-Dragässer, Uta/Sellach, Brigitte: Weibliche "Lebenslagen" und Armut am Beispiel von allein erziehenden Frauen. In: Hammer/Lutz (Hrsg.) 2002.
Glatzer, Wolfgang/Hübinger, Werner: Lebenslagen und Armut. In: Döring u.a. 1990.
Hammer, Veronika: Eingeschränkte Möglichkeitsräume allein erziehender Frauen - Inspirationen gegen eine Kultur der Ausgrenzung. In: Hammer/Lutz (Hrsg.) 2002.
Hammer, Veronika/Lutz, Ronald (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Frankfurt/New York 2002.
Knab, Maria: Wege aus gesellschaftlicher Marginalisierung. Entwicklung einer lebenslagenorientierten Perspektive sozialpädagogischer Frauenforschung. Dissertation, Tübingen 1998.
Voges, Wolfgang/Jürgens, Olaf/Meyer, Elke/Sommer: Thorsten, Methoden und Grundlagen des Lebenslagenansatzes. 1. Zwischenbericht im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, 2001.